Diese Frage stellt sich eigentlich jedes Mal, wenn Du vor dem Singen denkst: „Hm … ich sollte mich wohl noch kurz einsingen.“ Und dann kommt die große Auswahl: Lippenflattern, Summen, Sirenen, Vokale, Tonleitern, Gähnen, Zungenübungen … und plötzlich hast Du zehn Minuten lang irgendwelche Geräusche gemacht und bist trotzdem nicht sicher, ob Deine Stimme jetzt wirklich aufgewärmt ist.
Die gute Nachricht: Du brauchst keine komplizierte Sammlung von 27 Stimmübungen, um Deine Stimme sinnvoll auf das Singen vorzubereiten. Entscheidend ist vielmehr, wie Du die Übungen ausführst und in welcher Reihenfolge Du sie verwendest.
Ein gutes Aufwärmprogramm für die Stimme soll Deine Stimme nicht ermüden. Es soll sie beweglich, gut koordiniert, resonanzreich und belastbar machen.
In diesem Artikel erfährst Du, welche Aufwärmübungen fürs Singen besonders sinnvoll sind, warum sie funktionieren und wie Du Dein Einsingen sinnvoll gestalten kannst.
Zunächst eine wichtige Unterscheidung: Deine Stimmbänder sind keine Muskeln, die Du einfach wie einen Bizeps „warmpumpst“.
Beim Singen arbeiten zahlreiche Strukturen zusammen: Atmung, Kehlkopf, Stimmlippen, Zunge, Kiefer, Lippen, Rachenraum und die gesamte Artikulation müssen miteinander koordiniert werden.
Beim Einsingen geht es deshalb vor allem darum, diese komplexe Koordination sanft in Gang zu bringen.
Du möchtest beispielsweise:
Ein gutes Aufwärmen ist also weniger ein „Warmmachen“ im sportlichen Sinne als vielmehr ein gezieltes Koordinationstraining für Deine Stimme.
Hier gibt es keine magische Zahl.
Für viele Sängerinnen und Sänger können bereits 5 bis 15 Minuten sinnvoller Stimmübungen ausreichen, bevor sie mit anspruchsvollerem Gesang beginnen.
Entscheidend ist nicht, möglichst lange zu üben, sondern die Belastung allmählich zu steigern.
Ein typischer Fehler sieht nämlich so aus:
„Ich habe heute Abend einen Auftritt, also muss ich mich jetzt eine halbe Stunde richtig gründlich einsingen.“
Und dann wird 30 Minuten lang in hohen und lauten Lagen gesungen, bevor überhaupt das erste Stück beginnt.
Das ist nicht unbedingt ein gutes Aufwärmprogramm – das kann bereits ein Teil der eigentlichen stimmlichen Belastung sein.
Ein Einsingen soll Dich für das Singen vorbereiten, nicht schon das Konzert vorwegnehmen.
Das sogenannte Lippenflattern oder „Lip Trill“ gehört zu den bekanntesten Aufwärmübungen für Sängerinnen und Sänger.
Dabei lässt Du die Lippen locker aufeinanderliegen und erzeugst beim Ausatmen ein sanftes:
„Brrrrrrrr …“
Wenn Du dabei eine Tonleiter oder kleine Melodien singst, entsteht ein angenehmes Lippenflattern.
Die Übung kann helfen, die Stimme mit relativ wenig Druck in Bewegung zu bringen. Gleichzeitig musst Du die Lippen locker lassen und den Luftstrom koordinieren.
Besonders schön ist:
Du kannst damit zunächst in einer bequemen mittleren Tonlage beginnen und anschließend kleine Tonbewegungen nach oben und unten machen.
Zum Beispiel:
Brrrr – brrrr – brrrr
auf einer kleinen Tonfolge von drei bis fünf Tönen.
Wichtig: Das Lippenflattern sollte leicht sein. Wenn Du die Lippen mit Gewalt zusammenpresst oder sehr viel Luft hindurchbläst, wird aus der sanften Übung schnell eine kleine pneumatische Anlage.
Das brauchen wir nicht. 😉
Eine weitere hervorragende Aufwärmübung ist das Summen auf „m“.
Beginne beispielsweise auf einer angenehmen Tonhöhe mit:
„mmmmmm“
und achte darauf, dass der Ton frei und angenehm schwingt.
Du kannst anschließend kleine Tonfolgen singen:
m – m – m – m – m
oder beispielsweise eine einfache Dreiton- oder Fünftonfolge.
Das „m“ sollte nicht irgendwo tief im Hals festgehalten werden.
Viele Sängerinnen und Sänger spüren beim Summen eine leichte Vibration im Bereich der Lippen, Nase oder des Gesichts. Diese Empfindung wird häufig als angenehm und „resonant“ erlebt.
Aber auch hier gilt:
Du musst keine bestimmte Vibration erzwingen.
Das Ziel ist nicht, möglichst stark in der Nase zu „brummen“, sondern einen leichten, gut koordinierten Ton zu finden.
Vielleicht kennst Du den Laut aus dem englischen Wort „sing“.
Am Ende von „sing“ hörst Du:
„ng“
Diesen Laut kannst Du ebenfalls zum Einsingen verwenden.
Sing beispielsweise:
„ng – ng – ng“
auf kleinen Tonbewegungen.
Der Laut kann Dir helfen, einen sehr leichten und fokussierten Stimmklang zu finden.
Du kannst anschließend von „ng“ in einen Vokal übergehen:
ng – a
ng – e
ng – o
So wird aus der reinen Aufwärmübung langsam eine Verbindung zum tatsächlichen Singen.
Eine weitere beliebte Übung beim Aufwärmen der Stimme sind sogenannte Sirenen.
Dabei gleitest Du mit der Stimme sanft von einem tieferen Ton zu einem höheren und wieder zurück:
„uuuuuuuuuuuuuu“
wie eine kleine Sirene.
Dabei solltest Du nicht versuchen, möglichst hohe Töne zu erreichen.
Viel wichtiger ist, dass die Stimme gleichmäßig gleiten kann.
Du bewegst Deine Stimme durch verschiedene Tonhöhen, ohne einzelne Töne mit großem Kraftaufwand produzieren zu müssen.
Das kann besonders hilfreich sein, um Übergänge zwischen verschiedenen Tonbereichen wahrzunehmen.
Aber Vorsicht:
Eine Sirene ist kein Wettbewerb.
„Wie hoch komme ich heute?“
ist für das Aufwärmen meistens die falsche Frage.
Die bessere Frage lautet:
„Kann ich mich leicht und ohne Druck durch meine Tonlage bewegen?“
Besonders interessant für das moderne Stimmtraining sind Übungen mit einem Strohhalm.
Du singst dabei durch einen dünnen Strohhalm, teilweise auch in ein Gefäß mit Wasser.
Diese Übungen gehören zu den sogenannten SOVT-Übungen („Semi-Occluded Vocal Tract“), also Übungen mit teilweise verengtem Vokaltrakt.
Dazu gehören beispielsweise:
Durch die teilweise Verengung des Vokaltrakts verändern sich die Druckverhältnisse oberhalb der Stimmlippen. Dadurch kann die Stimmerzeugung unter bestimmten Bedingungen besonders effizient und mit vergleichsweise wenig Belastung erfolgen.
Gerade deshalb sind SOVT-Übungen in der modernen Stimmtherapie und im professionellen Stimmtraining interessant.
Nimm einen dünnen Strohhalm und singe ganz locker einen angenehmen Ton:
„uuuuuu“
durch den Strohhalm.
Danach kannst Du kleine Tonbewegungen ausprobieren.
Wenn Du mit einem Strohhalm ins Wasser singst, entstehen Bläschen. Auch hier sollte die Übung leicht und kontrolliert erfolgen.
Nicht:
„Ich muss jetzt möglichst viele Blasen produzieren!“
Das Ziel ist die stimmliche Koordination – nicht der Whirlpool. 😉
Nach den eher geschlossenen Lauten kannst Du allmählich zu den klassischen Vokalen übergehen:
A – E – I – O – U
Dabei kannst Du zunächst einzelne Töne singen und später kleine Tonfolgen verwenden.
Zum Beispiel:
Ma – Me – Mi – Mo – Mu
oder:
No – No – No – No – No
Weil Du beim Singen natürlich nicht nur summst.
Irgendwann müssen aus Deinen gut koordinierten Stimmübungen verständliche Worte und gesungene Vokale werden.
Deshalb sollte Dein Einsingen nach und nach von eher einfachen, geschlossenen oder halbgeschlossenen Übungen in Richtung Vokalisation und tatsächlicher Gesang gehen.
Auch die Artikulation gehört zum Singen.
Schließlich möchtest Du nicht nur einen schönen Ton produzieren, sondern auch verständlich singen.
Hier können einfache Übungen für Zunge und Lippen hilfreich sein.
Zum Beispiel:
„la-la-la-la-la“
„da-da-da-da-da“
„na-na-na-na-na“
oder:
„mi-me-ma-mo-mu“
Du kannst diese Übungen zunächst langsam und später etwas schneller ausführen.
Dabei sollte der Kiefer möglichst frei bleiben.
Ein verspannter Kiefer kann das Singen deutlich unangenehmer machen.
Deshalb lohnt es sich, vor dem Singen kurz zu überprüfen:
Kann ich meinen Unterkiefer frei bewegen?
Du kannst den Mund beispielsweise ganz locker öffnen und schließen oder den Unterkiefer sanft nach rechts und links bewegen.
Auch die Zunge darf sich bewegen.
Strecke sie vorsichtig heraus und lasse sie anschließend wieder locker im Mund liegen.
Dabei geht es nicht darum, möglichst spektakuläre Verrenkungen zu veranstalten.
Weniger ist hier oft mehr.
Erst wenn Deine Stimme bereits etwas aktiviert ist, kannst Du langsam zu anspruchsvolleren Vokalisen übergehen.
Geeignet sind beispielsweise:
Beginne in einer mittleren, angenehmen Lage.
Dann kannst Du den Tonumfang langsam erweitern.
Dabei solltest Du nicht sofort die extremen Höhen und Tiefen Deiner Stimme ansteuern.
Deine Stimme ist schließlich kein Auto, bei dem man morgens einsteigt und sofort den Motor bis zum roten Bereich hochdreht.
Eine sinnvolle Reihenfolge kann beispielsweise so aussehen:
Kurze Lockerung, natürliche Atmung, Haltung überprüfen.
Sanfte Stimmaktivierung.
Zum Beispiel Strohhalm oder Lippenflattern.
Drei- bis Fünftonfolgen in mittlerer Lage.
„A – E – I – O – U“ oder einfache Silben.
Allmähliche Erweiterung nach oben und unten.
Zunge, Lippen und Konsonanten aktivieren.
Erst jetzt kommen die konkreten Anforderungen Deiner Arien, Lieder oder Chorsätze.
Diese Reihenfolge ist natürlich kein starres Gesetz. Je nach Stimme, Tagesform, Repertoire und stimmlicher Situation kann ein anderes Vorgehen sinnvoller sein.
Nicht unbedingt in derselben Form.
Wenn Du beispielsweise morgens fünf Minuten leise vor Dich hin singst, brauchst Du nicht zwangsläufig ein 30-minütiges professionelles Einsingprogramm.
Wenn Du dagegen eine anspruchsvolle Opernarie, einen großen Chorauftritt oder ein Konzert singst, sieht die Situation anders aus.
Hier solltest Du Deine Stimme gezielt auf die bevorstehende Belastung vorbereiten.
Ein wichtiger Grundsatz lautet:
Je höher und anspruchsvoller die anschließende stimmliche Belastung, desto gezielter sollte die Vorbereitung sein.
Einige Dinge sind beim Aufwärmen weniger sinnvoll, als man zunächst denkt.
Wenn Deine erste Übung bereits im Forte stattfindet, hast Du die Steigerung etwas übersprungen.
Beginne lieber leicht und steigere die Belastung allmählich.
Du musst nicht überprüfen, ob Dein Spitzenton heute schon funktioniert.
Das kommt später.
Mehr ist nicht automatisch besser.
Wenn Deine Stimme nach dem Einsingen bereits müde ist, war das Programm vermutlich zu lang oder zu intensiv.
Wenn Du während einer Übung merkst:
dann solltest Du die Übung vereinfachen oder abbrechen.
Das ist ein besonders wichtiger Punkt.
Du kannst eine perfekte Tonleiter singen und dabei trotzdem stimmlich ungünstig arbeiten.
Beim Einsingen solltest Du deshalb immer wieder überprüfen:
Wie fühlt sich die Stimme an?
Nicht:
Wie viele Übungen habe ich schon geschafft?
Das ist völlig normal.
Die Stimme kann sich im Tagesverlauf verändern. Nach dem Aufstehen fühlen sich viele Stimmen zunächst etwas schwerfälliger oder weniger beweglich an.
Du musst dann nicht versuchen, diese Schwere mit Gewalt „wegzusingen“.
Beginne besonders sanft:
Gib Deiner Stimme Zeit.
Gerade bei Sängerinnen und Sängern besteht manchmal die Vorstellung:
„Wenn ich nach dem Einsingen höher komme, ist meine Stimme gut aufgewärmt.“
Das ist zu kurz gedacht.
Eine gut vorbereitete Stimme zeichnet sich nicht nur durch Tonhöhe aus.
Ebenso wichtig sind:
Der höchste Ton des Tages ist also nicht der TÜV-Stempel für Deine Stimme. 😉
Wenn Du wenig Zeit hast, kannst Du beispielsweise so vorgehen:
Kiefer, Schultern und Zunge sanft bewegen.
In angenehmer mittlerer Lage.
Drei- bis Fünftonfolgen auf „mi“, „no“ oder „mu“.
„ma – me – mi – mo – mu“.
Langsam den Tonumfang erweitern.
Etwas größere Tonbewegungen und schließlich einzelne Elemente aus dem Repertoire.
Danach solltest Du Dich nicht fühlen, als hättest Du gerade ein stimmliches Workout absolviert.
Idealerweise fühlst Du Dich eher so, als wäre die Stimme jetzt „wach“.
Auch die Atmung gehört selbstverständlich zum Singen.
Dabei ist es jedoch nicht notwendig, vor jedem Einsingen minutenlang irgendwelche komplizierten Atemübungen durchzuführen.
Oft reicht es, zunächst ein Gefühl für eine freie, natürliche Einatmung und einen kontrollierten, aber nicht gepressten Ausatemstrom zu entwickeln.
Eine einfache Übung:
Atme ruhig ein und lass anschließend ein sanftes
„ssssss“
entstehen.
Du kannst dabei beobachten, ob der Luftstrom gleichmäßig bleibt.
Anschließend kannst Du das Gefühl auf einen gesungenen Ton übertragen.
Wichtig ist jedoch: Die Atemübung sollte nicht dazu führen, dass Du anschließend mit möglichst viel Luft singst.
Mehr Luft bedeutet nicht automatisch mehr Stimme.
Das ist ein sehr verbreiteter Irrtum.
Wenn Du regelmäßig nach dem Singen heiser bist, solltest Du nicht einfach davon ausgehen, dass Du „noch besser aufwärmen“ musst.
Heiserkeit kann viele Ursachen haben.
Zum Beispiel können eine ungünstige Stimmtechnik, zu hohe Belastung, ungewohnte Lautstärke, langes Sprechen, trockene Schleimhäute oder andere Faktoren eine Rolle spielen.
Ein Einsingen kann eine Stimme sinnvoll vorbereiten – es kann aber keine Überlastung neutralisieren.
Wenn Heiserkeit regelmäßig auftritt oder länger anhält, sollte die Ursache fachlich abgeklärt werden.
Wenn Du nur eine Sache aus diesem Artikel mitnimmst, dann diese:
Eine gute Aufwärmübung fühlt sich meistens nicht nach Kampf an.
Du solltest Deine Stimme nicht in die Höhe ziehen, nicht in den Hals drücken und nicht mit Gewalt „freibekommen“.
Beginne leicht.
Arbeite in einer angenehmen Lage.
Steigere Tonumfang und Lautstärke schrittweise.
Und beobachte dabei Deine Stimme.
Das Ziel ist nicht:
„Ich habe 25 Einsingübungen gemacht.“
Das Ziel ist:
„Meine Stimme ist jetzt bereit für das, was ich singen möchte.“
Besonders sinnvoll sind Übungen, die die Stimme sanft aktivieren und die Koordination verbessern, ohne sie bereits vor dem eigentlichen Singen zu ermüden.
Dazu gehören insbesondere:
Dabei gilt: Es gibt nicht die eine perfekte Einsingübung, die für jede Stimme und jede Situation gleichermaßen funktioniert.
Ein guter Sänger oder eine gute Sängerin lernt deshalb nicht nur möglichst viele Übungen kennen, sondern lernt vor allem, die Reaktion der eigenen Stimme wahrzunehmen.
Denn genau darum geht es beim Einsingen:
Nicht Deine Stimme zu zwingen, „funktionieren zu müssen“.
Sondern ihr die Bedingungen zu geben, unter denen sie frei, koordiniert und belastbar arbeiten kann.
Und dann darfst Du singen. 🎶
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